»Anders sein« statt untergehen

Mit Mut zur Innovation können auch kleinste Touristikunternehmen weiter am Markt bestehen – Risikobereitschaft ist gefragt

Unter das Motto »Tourismus neu denken« stellte Zells Bürgermeister Günter Pfundstein am vergangenen Mittwoch einen Impulsvortrag, der von der neu gegründeten »Ferienlandschaft Mittlerer Schwarzwald« im Kultur- und Vereinszentrum organisiert worden war.


Auf ein »paar interessante Ansätze und Ideen, wie man hier in Zukunft vielleicht denken sollte, denken kann, denken muss«, hoffte Günter Pfundstein vor allem mit Blick auf die 300 Vermieter in der von Lothar Kimmig und Julia Laifer betreuten »Ferienlandschaft Mittlerer Schwarzwald«.

Denn: Die 240.000 Übernachtungen, wie man sie zu Hochzeiten alleine in Zell jährlich zählte, sind inzwischen auf »knapp unter 100.000« geschrumpft. Dem fügte das vortragende Duo Cordes & Rieger des gleichnamigen touristischen Beratungsunternehmens aus Kiel ein weiteres mahnendes Ausrufezeichen hinzu: Ob es sich um Hotelerie, Gastronomie oder um den Vermieter einer noch so kleinen Ferienwohnung handelt: »Viele Betriebe sind nicht mehr marktkonform und werden verschwinden.« Dass das aber nicht zwangsläufig passieren müsse, dafür gebe es viele positive Beispiele, betonten die Berater in einem etwa einstündigen Vortrag, der auch so sensible Bereiche wie Nachfolgeregelung und Betriebsklima nicht aussparte.

»Sei anders oder sterbe«, postulierten sie vor dem Hintergrund, dass Produkte immer gleicher werden und sich häufig nur durch den Preis unterscheiden. Um am Markt weiter zu bestehen, sei Mut erforderlich, ein jeweils neues – sprich innovatives – Konzept sowie ein klares Profil. Möglichst auf nur eine Zielgruppe sollte dieses ausgerichtet sein statt zu versuchen, auf eine breite Masse zu zielen. »Es allen recht zu machen funktioniert nicht«, erklärten die beiden Fachleute, »dann landen Sie in der Falle und müssen über den Preis um jeden Kunden buhlen.«

Alleinstellungsmerkmale schaffen

»Jenseits vom Mittelmaß« lautet daher die Devise, wenn ein Betrieb sich aus Überlebensgründen am Markt anders positionieren will als andere. Unbedingt allerdings muss das neue Konzept zu dem jeweiligen Anbieter passen. Rein persönlich gesehen. Denn ob als Vermieter oder als Gastronom: Es gilt, authentisch zu sein – nur dann wird ein Gast sich wohlfühlen.

»Es gibt zig Themen, die Sie bespielen können«, ermutigten die beiden Kieler ihr immerhin 50-köpfiges Publikum dazu, bei der Suche und Entwicklung eines Differenzierungs-Konzepts auch jene sogenannten Mega-Trends im Auge zu behalten, die das deutsche Zukunftsforschungsinstitut für unsere sich immer schneller wandelnde Gesellschaft erarbeitet hat.

»Sicherheit« angesichts von Terror und Cyber-Kriminalität fiel hier als Schlagwort. Desgleichen »Gendershift« – ein Begriff, den die bärtige Grand-Prix-Gewinnerin Conchita Wurst verbildlicht. »Dass Männer ihre weibliche Seite ausleben, wird in Zukunft normal werden«, erklärte Ute Rieger dazu, »auch im ländlichen Raum, wenngleich nicht so stark wie in den Städten.« Längst Usus geworden hingegen sind gleichgeschlechtliche Paare, auf deren Bedürfnisse beispielsweise man sich als touristischer Anbieter spezialisieren kann. »Gerade gleichgeschlechtliche Paare haben eine große Kaufkraft«, weiß die Marketing-Spezialistin.

»Anders« ist besser als »besser«

Als weiteren Mega-Trend nennt Ute Rieger die Globalisierung. »Die heutigen 20- bis 40-Jährigen kennen die Welt und haben ganz andere Erwartungshaltungen«, verdeutlicht sie. Individualisierung und eine sich in atemberaubender Geschwindigkeit vollziehende Konnektivität und Digitalisierung tun ihr übriges. »Das ist die Generation, die in ihrer Ferienwohnung wohnt oder in ihrem Hotel; das ist die Generation, die ihre Gastronomie besucht«, so Ute Rieger über die Notwendigkeit, als Anbieter auf sich entsprechend verändernde Werte und Vorstellungen zu reagieren. Wobei das Beratungsunternehmen immer wieder unterstreicht: »Die Innovativen sind erfolgreich am Markt.«

»Man darf nicht stehen bleiben«, rief denn auch Bürgermeister Pfundstein in seinem Schlusswort zu Mut und Risikobereitschaft auf. Die Kommune sei dafür ver­antwortlich, die touristischen Rahmenbedingungen in punkto Infrastruktur zu schaffen – seien es Straßen, Wege und Plätze oder das Internet.

Eigene Verantwortlichkeit

»Aber Sie sind dann dafür verantwortlich, dass Sie Ihre Gäste bekommen«, nahm er das Publikum in die Pflicht. »Wir haben in unseren Gemeinden hier die besten Voraussetzungen«, verwies er auf die, trotz zahlenmäßigen Rückgangs, immer noch vielen Feriengäste und Tagestouristen: »Das Geld – mit Verlaub – liegt doch eigentlich auf der Straße, wir müssen es nur aufheben«.

Ausdrücklich dankte Günter Pfundstein dem Planungsbüro von Stefan Kornmeier dafür, den Kontakt zu dem Kieler Beratungsunternehmen hergestellt zu haben. Zudem würdigte er die Sponsoren der Veranstaltung: die Sparkasse Haslach-Zell sowie die Sparkasse Gengenbach.

Bei Getränken und Gugelhupf nahmen die Zuhörer im Anschluss an den Impulsvortrag rege die Gelegenheit zum Austausch wahr – sei es mit dem Beraterduo oder untereinander.

Autor: Inka Kleinke-Bialy, Schwarzwälder Post