Silvesteraufmarsch der Bürgerwehr hat Wurzeln im 17. Jahrhundert

Vor 41 Jahren als Touristenattraktion wieder eingeführt:

Zell a. H. »Es ist die Kameradschaft und Zusammengehörigkeit, die Freude am Verein und natürlich auch an der Historie.« So beschreibt Paul Gutmann, Kommandant und Vorsitzender der Freiwilligen Bürgerwehr, seine Motivation zur Vereinszugehörigkeit.

»Seit 1300 – so alt, wie der Storchenturm ist – gibt es sicher eine Bürgerwehr«, meint Paul Gutmann, »aber nicht in der von uns heute getragenen Uniform.« Mehr noch: Ursprünglich trugen die Schützen gar keine dem Militär ähnliche Kleidung.
Allesamt waren sie Bürger der einstmals kleinsten freien Reichsstadt des römischen Reichs deutscher Nationen, in der Bewaffnung Pflicht war. Ein Zeller Jungbürger musste seine Wehr aus eigenen Mitteln anschaffen, sie bei einem einheimischen Hammer- und Waffenschmied machen lassen, sie zuhause aufbewahren und vorschriftsmäßig in Schuss halten.

Gemäß Anweisung des Magistrats bestand die Ausrüstung aus Harnisch oder Rüsthemd, Schlachtschwert oder Hacken, Hellebarde oder Spieß und Sturmhaube; teils gehörten auch Musketen dazu. Das waren von zwei Mann getragene Feuerrohre oder sogenannte »glatte Rohre«, sprich Schießgewehre. Im 17. und 18. Jahrhundert dann verlangte die Stadt vom Zeller Bürger Gewehr und Säbel.
Derart bewaffnet war die »Schieß«- respektive »Schützengesellschaft« als Organisation der Stadtbehörde verpflichtet, den Wachdienst in Stadt und Umgebung zu übernehmen, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. »Man führte Streifen durch auf Bettler, Diebe, Räuber, gartende Knechte, Landrecken, Zigeuner, welche die Bewohner an Hab und Gut, Leib und Leben gefährdeten.«

Wehren und schützen

So ist es nachzulesen in der von Thomas Kopp 1979 verfassten 135-Seiten-Chronik der Zeller Bürgerwehr. Auch bei Übergriffen der »Nachbarstaaten« und bei inneren Unruhen wurden die bewaffneten Bürger aufgeboten. Für den eigentlichen Kriegsdienst zur Verteidigung des Reiches aber musste die Stadt sogenannte Kontingentsoldaten stellen, eine selbstständige Truppe, die mit den Schützen nichts zu tun hatte.

Zusätzlich zu ihrem Schutz- und Wehrauftrag oblag den Pflichtschützen nebenbei die Aufgabe, als Vertretung der Bürgerschaft bei besonderen Anlässen aufzumarschieren sowie die Prozessionen besonders an Fronleichnam und am Patroziniumsfest zu begleiten.
Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der gemeindliche Eigenschutz überflüssig: Im Jahre 1803 hörte Zell auf, Reichsstadt zu sein, weil es an die Markgrafschaft und 1806 an das Großherzogtum Baden überging. Fortan gab es eine freiwillige Wehr, die sich – unterstützt von einem berittenen Ulanencorps sowie einem Spielmannszug – dem »Paradieren und Repräsentieren« bei Festen und Feierlichkeiten widmete.

Uniform für den Verein

1862 schließlich wurde das Zeller Schützenwesen vereins­mäßig organisiert, 1884 eine schmucke Uniform eingeführt. Eine der Fantasie entsprungene könnte man ob deren Pracht vermuten. Tatsächlich jedoch handelt es sich um das Gewand der österreichischen Kaiserschützen. »Weil wir bis 1803 zu Vorderösterreich gehört haben«, erklärt Paul Gutmann. 1932 wurde im Zeller Bürgerwehrsverein zudem eine Reiterabteilung gegründet, gekleidet in die alten historischen Ulanen-Uniformen.
»Den Leuten zu zeigen, was in Zell einmal war, das macht mir Freude«, so der 66-jährige Bürgerwehr-Hauptmann, der dem Verein seit 35 Jahren angehört. Die Ränge stammen aus einer ehemaligen militärischen Ordnung, »doch im Vergleich zu anderen Wehren wie beispielsweise Wolfach oder Gengenbach sind sie bei uns relativ einfach gehalten«, erklärt der Kommandant. Und betont: »Wir treten stramm auf, doch nicht militärisch.«

Etwa 100 aktive Mitglieder hat die Zeller Wehr derzeit, der sich 1952 die Bürgerwehrfrauen anschlossen. Sie tragen die einstige Tracht der örtlichen Bürgerinnen, dank Elise Halter. Paul Gutmann erzählt: »Das war eine alte Zellerin, die immer in der Zeller Tracht mit marschiert ist, obwohl sie nicht in der Bürgerwehr Mitglied war.« Nach dieser Tracht habe man die Kleidung für die Bürgerwehrfrauen genäht, der Stoff wurde von Zeller Geschäften gestiftet.

Neujahranschießen schon 1697 belegt

Hoch her geht es alljährlich am Silvestertag, wenn die Freiwillige Bürgerwehr samt Spielmannszug (mit Spielmannsflöte und kleiner Trommel in der originalen Urbesetzung früherer Spielmannszüge), Stadtkapelle, berittenen Ulanen, Offizieren und Schützen aufmarschiert. Was bereits für das Jahr 1697 als »Neujahranschießen« in den Akten belegt ist, wurde vor 41 Jahren als Touristenattraktion wieder eingeführt.

Lange Jahre fand diese auf dem Kanzleiplatz statt, „aber da war es viel zu eng“, erinnert sich Paul Gutmann. Regelrecht gefährlich sei es daher gewesen: »Die Leute sind direkt vor uns rumspaziert, da hat man sich bald gar nicht mehr getraut zu
schießen.« Dieses Problem aber ist gelöst, seit der Aufmarsch mit dem letzten Zeller Stadtfest vor das Rathaus verlegt wurde, auf die Hauptstraße. »Jetzt haben wir Platz«, freut sich der Vereinsmann wie stets auf das farbenprächtige Spektakel.

Silvesteraufmarsch

Der Silvesteraufmarsch mit der Freiwilligen Bürgerwehr und der Stadtkapelle findet am 31. Dezember ab 14.30 Uhr statt, auf der Hauptstraße direkt vor dem Rathaus. Bereits ab 14 Uhr wird Glühwein und Punsch gratis ausgeschenkt – dazu bitte unbedingt ein Trinkgefäß mitbringen! Für das leibliche Wohl sorgt der Sportschützenverein.

Autor: Inka Kleinke-Bialy, Schwarzwälder Post