Neue Projektverantwortliche in Zell: Sie brennt für die Keramik

Silke Vosbein ist seit wenigen Wochen für das "Hahn und Henne"-Projekt in Zell a. H. zuständig. Die 62-Jährige hat Tourismus studiert, lebt am Kaiserstuhl und stammt aus Niedersachsen.

"So ein Projekt bekommt man nur einmal im Leben", sagt Silke Vosbein voller Überzeugung. Ihre Augen strahlen. "Da habe ich nicht lange überlegt." Die 62-Jährige ist seit wenigen Wochen für das "Hahn und Henne"-Projekt zuständig. Eine Aufgabe, die der Powerfrau auf den Leib geschneidert scheint.

Neustart mit 38 Jahren

Silke Vosbein ist ein echtes Nordlicht. Aufgewachsen "als richtiges Dorfkind" auf einem Bauernhof im Landkreis Osnabrück hat sie einige Jahre im Hotel gearbeitet, bevor sie ihrem Leben eine Wendung gab und im Alter von 38 Jahren nach Wilhelmshaven zog. Dort studierte sie Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Tourismus. "Ich wollte immer eine kleine Tourist-Info leiten", erzählt sie von ihrem großen Traum. Dieser Antrieb brachte sie schließlich nach Baden-Württemberg. In der Gemeinde Rust öffneten sich für sie die Türen in die touristische Welt der Ortenau. Silke Vosbein wurde schließlich Tourismus-Managerin der Gemeinde.
Wahr wurde ihr Traum allerdings in Endingen. Dort leitete sie die Tourist-Info, bevor sie 2022 nach Gengenbach kam. Gut anderthalb Jahre Elternzeitvertretung beendete sie mit weiterer Erfahrung, viel neuem Wissen und wichtigen Kontakten in der Stadt Zell am Harmersbach. Dadurch landete schließlich die Anfrage bei ihr, ob sie sich vorstellen könnte, das "Hahn und Henne"-Projekt zu leiten.
Auch wenn sie, zumindest was ihren Wohnort angeht, dem Kaiserstuhl treu bleibt und täglich von Wyhl pendelt, haben ihr neues Arbeitsumfeld genauso wie die Kollegen im Nu ihr Herz erobert. Getragen von ihrem Tourismus-Gen gibt sie selbst im Gespräch mit dem Offenburger Tageblatt gerne Tipps, welche Sehenswürdigkeiten man sich unbedingt anschauen sollte. Umso passender, dass zur Stellenausschreibung auch die zeitweise Unterstützung in der Tourist-Info gehört. "Ich spreche Englisch und Französisch und kenne mich gut aus", fasst sie es kurz zusammen. Zudem betreut sie auch den Handels- und Gewerbeverein.

Die Ostsee umrundet

Die Aufgaben sind umfangreich, doch die studierte Touristikerin mag Herausforderungen. So hat sie nach ihrer Anstellung in Gengenbach die Ostsee mit dem Fahrrad umrundet. 3000 Kilometer. Auch segelt sie gerne und steuert dann bis zu 14-Meter-lange Yachten übers Meer.
In Zell gibt es zwar keinen Ozean, dafür ist Silke Vosbein ein Quell, der vor Ideen nur so sprudelt. Während sie auf dem hölzernen Sessel im Design einer "Hahn und Henne"-Tasse sitzt und von ihrer Arbeit erzählt, wippen ihre rot-braunen Locken im Takt ihrer Begeisterung. Gerade arbeitet sie am Storytelling für die Homepage. Dafür möchte Vosbein den Menschen die Zeller Keramik mit berührenden Geschichten näherbringen. Auch würde sie gerne eine Collage erstellen mit Filmausschnitten, in denen die berühmte Tasse zu sehen war.

"Der gesamte Verkauf und die Distribution, also der Weg der Ware zum Kunden, machen momentan den Großteil meiner Arbeit aus", sagt die 62-Jährige und fügt hinzu: "Ich bin froh, dass ich so viel Erfahrung habe. Da sieht man manches gelassener." Auf ihrem Schreibtisch landen zum Beispiel Anfragen aus anderen Städten, welche das Geschirr verkaufen möchten. Die Nachfrage sei enorm, gerade erst war das neue Sortiment ausverkauft.
Auch an Vosbeins Arbeitsplatz stehen Variationen des Modells, das nun im Allgäu produziert wird. In ihrem Küchenschrank in Whyl bilden hingegen die grün-gelben Becher aus einer Bollenhut-Sonderedition ein buntes Farbenspiel mit pink-farbenen "Villeroy und Boch"-Tassen. "Ich mag ja Pink sehr", sagt sie und zeigt lachend auf ihre Armband-Uhr. Deren Armband in Vosbeins Lieblingsfarbe leuchtet als knalliger Kontrast zu ihrem dunklen Outfit.
Kürzlich konnte sie bei einem Rundgang durch die ehemaligen Produktionsstätten einen Einblick bekommen, wie die Keramik hergestellt wurde. Angetan hatte es ihr direkt ein alter Kachelofen. Natürlich mit in Zell produzierten Kacheln. Sie hat sich dafür eingesetzt, dass der Ofen erhalten wird. "Diese Dinge finde ich sehr wertvoll. Und es hängt das Herz so vieler Bürger dran. So viele Zeller haben dort gearbeitet", schildert sie ihre Beweggründe.
Unterdessen seien dort auch noch kistenweise Rohlinge vorhanden, die bereits einmal gebrannt wurden. Nach und nach wird nun geprüft, ob möglicherweise noch etwas von den vielen Überbleibseln verwendet werden kann.
"Es ist unglaublich, wie prägend das 'Hahn und Henne'-Bild ist", erzählt sie und erinnert sich an einen besonderen Moment: "Der achtjährige Sohn einer Freundin hat es sogar erkannt, weil seine Großeltern eine solche Tasse im Schrank haben."
In zwei Jahren feiert die Gemeinde 130 Jahre "Hahn und Henne-Keramik". Wenig überraschend, dass Silke Vosbein auch für diesen besonderen Anlass schon einige Ideen im Kopf hat.

Autor: Maria Jürgens, Offenburger Tageblatt